Niederländische Windmühlentechnik
Kein Land hat die Windmühle so konsequent als Ingenieursgerät eingesetzt wie die Niederlande. Während anderswo Mühlen fast ausschließlich Getreide mahlten, setzten niederländische Ingenieure und Mühlenbauer ab dem 14. Jahrhundert Windkraft für eine Vielzahl industrieller Prozesse ein: Entwässerung, Sägen, Ölpressen, Papierherstellung und Pigmentmahlen. Das Ergebnis ist ein Mühlenerbe von einzigartiger Dichte und Vielfalt, das bis heute in Betrieb ist.
Wippmühlen: Entwässerung als Systemaufgabe
Die Wippmühle (niederländisch: Wipmolen) ist der älteste Typ, der speziell für die Entwässerung entwickelt wurde. Bei ihr dreht sich nicht nur die Kappe, sondern der gesamte obere Teil des Körpers auf einem Pfahl, damit der Flügelsatz in den Wind zeigen kann. Die Flügel treiben über eine Transmission eine Archimedische Schraube oder ein Schaufelrad an, das Wasser aus einem Polder in einen höher gelegenen Kanal hebt. Eine einzelne Wippmühle kann pro Stunde je nach Wind zwischen 500 und 1.500 Kubikmeter Wasser fördern. In der großen Entwässerungsphase des 17. Jahrhunderts, als riesige Seen wie der Beemsterpolder (UNESCO-Welterbe seit 1999) trockengelegt wurden, arbeiteten Wippmühlen in Reihen, die Wasser stufenweise von einem Kanal zum nächsten hoben.
Kornmühlen: Typ und Konstruktion
Die Kornmühle (Korenmolen) dient dem Mahlen von Getreide und ist in mehreren Varianten gebaut worden. Der häufigste Typ für Getreidemühlen in den Niederlanden ist der Holländer (Grondzeiler oder Bovenkruier), bei dem nur die obere Kappe gedreht wird, um die Flügel in den Wind zu stellen, während der zylindrische oder achteckige Turm fest steht. Dies ermöglichte größere und schwerere Mühlen als die Bockmühle, bei der der gesamte Körper dreht. Im Inneren einer großen niederländischen Kornmühle befinden sich mehrere Mahlgänge übereinander, verbunden durch ein System aus Holzgetrieben und Wellen.
Das Poldersystem als Ingenieurskonzept
Der Polder ist eine eingedeichte Fläche, deren Wasserspiegel aktiv kontrolliert wird. In den Niederlanden liegen rund 27 Prozent der Landfläche unter dem Meeresspiegel; weitere 34 Prozent sind ohne Entwässerung überschwemmungsgefährdet. Windmühlen bildeten bis zur Einführung des Dampfpumpens (ab ca. 1850) das einzige Mittel, diese Flächen trocken zu halten. Das System bestand aus einem Netz von Kanälen unterschiedlicher Höhe: Mühlen hoben Wasser aus dem tiefsten Graben in einen Ringkanal, von dort in einen Boezem (Pufferkanal) und schließlich in einen Fluss oder das Meer. Dieses mehrstufige System, für den Haarlemermeer-Polder in den 1850ern durch Dampfmühlen ersetzt, ist das ingenieurtechnische Fundament der modernen niederländischen Landschaft.
Kinderdijk: UNESCO-Ensemble von 1740
Das Kinderdijk-Ensemble in der Provinz Südholland ist die eindrucksvollste erhaltene Gruppe von Windmühlen weltweit. Die 19 Mühlen wurden zwischen 1738 und 1740 gebaut, um den Alblasserwaard-Polder zu entwässern. Acht sind Wippmühlen, elf sind Stabelmühlen (Standerdmolens), alle auf engstem Raum entlang zweier Kanäle aufgestellt. Seit 1997 stehen sie auf der UNESCO-Welterbeliste, begründet mit ihrer einzigartigen Integrität als funktionsfähiges technisches Ensemble. Zwei der Mühlen sind ganzjährig bewohnt; Mühlenwärter-Familien wohnen in den unteren Stockwerken und halten die Mühlen in Betrieb. Im Sommer werden alle 19 Mühlen an bestimmten Wochenenden gleichzeitig in Betrieb gesetzt, was eine einzigartige visuelle Wirkung erzeugt.
Zaanse Schans: Freilichtmuseum mit echtem Betrieb
Zaanse Schans, am nördlichen Stadtrand von Zaandam, ist kein Museum im klassischen Sinne, sondern ein genutztes Gebiet, in dem historische Häuser und acht funktionierende Windmühlen stehen. Die Mühlen wurden aus umliegenden Gemeinden hierher transloziert, als die industrielle Entwicklung des Zaanstreek im 20. Jahrhundert ihren Standort bedrohte. Eine Farbpigmentmühle (De Kat), eine Gewürzmühle (De Huisman), eine Sägmühle (De Gekroonde Poelenburg) und weitere Typen sind in Betrieb und für Besucher zugänglich. Das Zaanstreek war im 17. Jahrhundert das industriell dichteste Gebiet der Welt: Über 600 Windmühlen standen dort gleichzeitig in Betrieb, verarbeiteten Holz aus Skandinavien, Wolle, Farbstoffe und Getreide.
Schiedam: Die weltgrößten klassischen Windmühlen
Schiedam, südwestlich von Rotterdam, hat eine besondere Stellung in der Mühlenwelt: Hier stehen fünf der sechs höchsten klassischen Windmühlen der Welt, alle für die Geneversproduktion gebaut. Die Mühlen stammen aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert und wurden zur Versorgung der zahlreichen Schnapsbrennereien der Stadt mit gemahlenem Malz gebaut. Die Mühle De Nieuwe Palmboom misst 33,3 Meter vom Fundament bis zum Flügelspitzenpunkt; De Noord und De Vrijheid sind mit 33 und 32 Metern kaum kleiner. Diese Höhe war notwendig, weil die umliegenden Gebäude und Deiche den Wind auf Bodenniveau blockierten: Je höher die Mühle, desto besser der Windstand. Heute sind alle fünf Schiedamer Mühlen restauriert und an bestimmten Tagen zugänglich.
Flügelform und Anglo-Dutch-Segelmuster
Die Form der Windmühlenflügel entwickelte sich in den Niederlanden über Jahrhunderte. Der klassische niederländische Flügel besteht aus einem Holzrahmen, der mit Segeltuch bespannt wird. Im 18. Jahrhundert entwickelten niederländische Mühlenbauer das sogenannte Oud-Hollandse Wiekstelsel (Alt-Holländisches Flügelsystem), bei dem die Flügel durch verstellbare Jalousielamellen ersetzt wurden, die eine feinere Windregulierung erlaubten. Das Anglo-Dutch-Muster, das ab dem späten 18. Jahrhundert in England und den Niederlanden verwendet wurde, kombiniert Segeltuch auf dem äußeren Flügelteil mit festen Latten auf dem inneren Teil. Diese Hybridform ist bis heute an arbeitenden Mühlen beider Länder zu sehen und ermöglicht einem erfahrenen Müller, die Leistungsaufnahme ohne Anhalten der Mühle anzupassen.
Wohin zuerst?
Kinderdijk, Zaanse Schans und die Schiedamer Mühlen sind auf der interaktiven Karte eingetragen. Alle drei lassen sich an einem langen Tag oder besser in zwei Tagen per Bahn und Fahrrad kombinieren.