Die Windmühle von Wimbledon: Hohlpfostenmühle, Wahrzeichen und Museum
Wer den Wimbledon Common im Südwesten Londons durchquert, vorbei an Golfern, Reitern und Hundebesitzern, sieht sie schon von weitem: eine schwarz-weiße Mühle, die sich über Ginster und Birken erhebt. Die Windmühle von Wimbledon wurde 1817 von Charles March errichtet, einem Zimmermann aus dem benachbarten Roehampton, und sie ist eine echte Rarität. Es handelt sich um eine sogenannte Hohlpfostenmühle, eine Bauform, die in England so ungewöhnlich ist, dass das Museum im Inneren das Gebäude als das einzige erhaltene Beispiel dieser Art bezeichnet, das im Land je Mehl gemahlen hat. Ihre aktive Zeit war kurz, ihr Nachleben dafür umso reicher: Wohnhaus für mehrere Familien, Schauplatz eines der großen viktorianischen Kämpfe um öffentliches Grün, Schreibort von Robert Baden-Powell und seit 1976 ein liebevoll geführtes Museum.
Ein Zimmermann baut eine Mühle
Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war Wimbledon noch ein Dorf am Rand von London, und das Gemeindeland diente den Einheimischen ganz praktisch: Sie weideten dort Vieh, sammelten Brennholz und gruben Kies. Nur das Brot musste von auswärts kommen. Eine Mühle auf der windigen Hochfläche des Commons war deshalb eine naheliegende Geschäftsidee. Im Jahr 1816 erhielt Charles March von der Grundherrschaft die Erlaubnis, auf dem Gemeindeland eine Kornmühle zu errichten, und schon im folgenden Jahr drehten sich die Flügel zum ersten Mal.
Dass hier ein Zimmermann und kein gelernter Mühlenbauer am Werk war, erklärt vermutlich vieles an der eigenwilligen Konstruktion. March kopierte weder die klassischen englischen Bockmühlen noch die üblichen Turmmühlen. Stattdessen schuf er etwas, das im Geist den kleinen holländischen Hohlpfostenmühlen näherstand, allerdings vergrößert und für das Mahlen von Getreide eingerichtet. Spätere Umbauten machten das Gebäude noch ungewöhnlicher: Der achteckige, verbretterte Aufbau auf einem gemauerten Sockel, den Besucher heute sehen, geht auf umfangreiche Veränderungen im neunzehnten Jahrhundert zurück. Äußerlich ähnelt die Mühle deshalb inzwischen einer Holländermühle mit Galerie, obwohl ihr Ursprung und ihr Name zu einem viel selteneren Typ gehören.
Was eine Hohlpfostenmühle besonders macht
Um zu verstehen, warum Mühlenfreunde eigens nach Wimbledon pilgern, lohnt ein Blick auf die Technik. Bei einer klassischen Bockmühle ruht der gesamte hölzerne Mühlenkasten samt Mahlwerk auf einem mächtigen senkrechten Pfosten und wird als Ganzes in den Wind gedreht. Die Mahlsteine sitzen oben im drehbaren Kasten, und alles, Korn, Mehl und Müller, muss hinauf und wieder herunter.
Die Hohlpfostenmühle geht einen anderen Weg. Ihr zentraler Pfosten ist ausgehöhlt, und durch ihn hindurch läuft eine senkrechte Antriebswelle nach unten. Nur der kleine Kopf mit den Flügeln muss in den Wind gedreht werden; die Kraft wird durch den hohlen Pfosten in den feststehenden Unterbau geleitet, wo Mahlsteine und Maschinen untergebracht sind. In den Niederlanden war dieses Prinzip weit verbreitet, vor allem bei kleinen Entwässerungsmühlen. Für das Kornmahlen wurde es in Großbritannien dagegen kaum je verwendet. Genau darin liegt der Wert der Mühle von Wimbledon: Sie bewahrt die Erinnerung an eine Bauform, die auf der Insel nie richtig Fuß fasste. Das Museum zeigt an Modellen und Schnittzeichnungen sehr anschaulich, wie die Anordnung funktionierte.
Ein kurzes Arbeitsleben
Weniger als fünfzig Jahre lang mahlte die Mühle Korn für Wimbledon und die umliegenden Gemeinden. Die überlieferten Berichte zeichnen das Bild eines bescheidenen örtlichen Betriebs, keiner großen Industrieanlage: eine Mühle für die Nachbarschaft, mit der Familie des Müllers gleich nebenan und den Kleinbauern und Kiesgräbern des Commons als Kundschaft.
Der Standort hatte dabei seine Tücken. Der Common liegt zwar hoch und offen, doch die umliegenden Baumgruppen und die wachsende Bebauung der Umgebung machten den Wind unstet, und wie überall in England setzte im Laufe des Jahrhunderts die Konkurrenz der Dampfmühlen den kleinen Windmüllern zu. Dass die Mühle überhaupt so lange durchhielt, spricht für ihre Lage an einem der wenigen wirklich exponierten Punkte der Gegend.
Das Ende kam 1864, und es hatte weder mit Wind noch mit Mehl zu tun. Earl Spencer, der Grundherr, kündigte an, den Wimbledon Common einzufrieden, einen Teil als Bauland zu verkaufen und auf dem Rest einen Park mit neuem Herrenhaus anzulegen. Im Zuge dieser Pläne stellte die Mühle den Betrieb ein. Ein Großteil des Mahlwerks wurde ausgebaut, und das Gebäude wurde in kleine Wohnungen für mehrere Familien umgewandelt. Aus der Mühle wurde gewissermaßen ein winziger Weiler unter einem einzigen Dach, und bewohnt blieb sie noch rund ein Jahrhundert.
Der Kampf um den Common
Spencers Einfriedungspläne lösten eine der prägenden Auseinandersetzungen des viktorianischen England um öffentliche Freiflächen aus. Die Anwohner organisierten sich, Anwälte wurden eingeschaltet, und der Streit zog sich über Jahre hin, bis das Parlament ihn entschied. Der Wimbledon and Putney Commons Act von 1871 entzog dem Grundherrn die Verfügung über das Gemeindeland und unterstellte es einem Gremium von Conservators, das die Flächen offen, unbebaut und für die Erholung der Allgemeinheit zugänglich halten sollte.
Die Windmühle steht mitten in dieser Geschichte. Gerade ihre Stilllegung und ihr Umbau hatten gezeigt, wie schnell sich das Gemeindeland verändern konnte, und nach 1871 waren die Conservators auch für das Gebäude selbst verantwortlich. In den 1890er Jahren wurde per öffentlicher Sammlung Geld für die Instandsetzung des inzwischen baufälligen Bauwerks aufgebracht, und bei diesen und späteren Reparaturen erhielt die Mühle einen großen Teil ihres heutigen Erscheinungsbildes. Ohne das Gesetz von 1871 gäbe es heute höchstwahrscheinlich weder den Common noch die Mühle; beide Überlebensgeschichten sind untrennbar verbunden.
Baden-Powell und ein berühmtes Buch
Die bekannteste literarische Verbindung der Mühle stammt aus der edwardianischen Zeit. Robert Baden-Powell, der Offizier und spätere Gründer der Pfadfinderbewegung, wohnte im Mill House direkt neben der Mühle und schrieb dort 1908 an Teilen von Scouting for Boys. Das Buch wurde zu einem der meistverkauften Titel des zwanzigsten Jahrhunderts und begründete eine Bewegung, die heute weltweit viele Millionen Mitglieder zählt.
Das Museum erinnert an diese Verbindung, und Pfadfindergruppen gehören bis heute zu den regelmäßigen Besuchern. Es hat etwas Schönes, dass ein Gebäude, das einst Mehl für ein Dorf in Surrey mahlte, am Ende eine ganz andere Art von Nahrung lieferte. Und der Common vor der Tür, mit seinen Wäldern, Teichen und weiten Horizonten, ist genau die Landschaft, die Baden-Powell junge Menschen lesen lehren wollte.
Vom Wohnhaus zum Museum
Im zwanzigsten Jahrhundert stand die Mühle längst unter Denkmalschutz, war aber im Kern immer noch ein umgebautes Wohnhaus. Die Verwandlung in ein Museum kam 1976, als das Wimbledon Windmill Museum eröffnet wurde. Getragen von Ehrenamtlichen und einer gemeinnützigen Stiftung erzählt es die Geschichte der Windmühlen in Großbritannien: mit Modellen der wichtigsten Mühlentypen, originalen Maschinen, Werkzeugen von Mühlenbauern und Zimmerleuten und Mitmachstationen, an denen Kinder selbst Korn zu Mehl mahlen können.
Die Restaurierung ging seither in Etappen weiter, darunter eine große Kampagne Ende der 1990er Jahre, die der Mühle wieder Flügel gab und große Teile der Bausubstanz erneuerte. Heute öffnet das Museum in den wärmeren Monaten an Wochenenden und Feiertagen, und die frisch gestrichene Mühle mit ihren Flügeln ist wieder das Wahrzeichen des Commons, weithin sichtbar über Heide und Golfplätze, genau wie vor zwei Jahrhunderten. Der Parkplatz an der Mühle ist einer der beliebtesten Ausgangspunkte für Spaziergänge, und das Café nebenan versorgt Wanderer und Radfahrer.
Auf der Karte
Die Windmühle von Wimbledon lohnt einen halben Tag für sich allein, und noch mehr in Kombination mit einer langen Wanderung über den Common nach Putney Heath oder hinunter ins Dorf Wimbledon. Ihren genauen Standort finden Sie, zusammen mit Hunderten weiterer erhaltener Mühlen in England und auf der ganzen Welt, auf unserer interaktiven Karte. Zoomen Sie in den Südwesten Londons hinein, um Ihre Route zu planen, oder stöbern Sie weiter und entdecken Sie, wie viele andere ungewöhnliche Mühlentypen in Reichweite der britischen Hauptstadt warten.