Windmühlentypen verstehen
Wer zum ersten Mal eine historische Windmühle besucht, sieht zunächst ein Gebäude mit vier Flügeln. Wer mehrere besucht, beginnt Unterschiede wahrzunehmen: Dieser Turm dreht sich vollständig, jener hat eine drehbare Kappe; diese Mühle mahlt Getreide, jene pumpt Wasser; hier ist alles aus Holz, dort aus Stein. Hinter diesen Unterschieden steht eine klare Systematik, die über Jahrhunderte in verschiedenen Regionen Europas entstanden ist.
Die Bockwindmühle: Der älteste Typ
Die Bockwindmühle (lateinisch: molendinum ad ventum) ist der älteste erhaltene Windmühlentyp Europas. Sie ist ab dem späten 12. Jahrhundert in Flandern und Nordfrankreich dokumentiert und verbreitete sich im 13. und 14. Jahrhundert über ganz Nordeuropa. Ihr konstruktives Prinzip ist radikal einfach: Der gesamte Mühlenkasten (der sogenannte Kasten oder Koker) dreht sich um einen zentralen senkrechten Pfahl (den Bock), der in ein Fundamentkreuz aus Erdbalken eingelassen ist. So kann der Müller die Flügel immer in den Wind richten, indem er den Kasten von Hand oder mit einem Steert (Schwanzbalken) um den Pfahl dreht.
Der Nachteil: Die Bockwindmühle ist klein. Der gesamte Mechanismus muss im drehbaren Kasten Platz finden. Das limitiert die Größe der Mühlsteine und damit die Mahlkapazität. Für kleine Gemeinden war das ausreichend, aber mit wachsendem Getreidebedarf im 15. und 16. Jahrhundert wurde ein leistungsfähigerer Typ benötigt.
Die älteste nachweislich noch funktionierende Bockwindmühle Europas ist die Outwood Mill in Surrey, England, erbaut 1665. Mehrere Bockwindmühlen in polnischen Freilicht- museen und deutschen Mühlenparks bewahren diesen Typ für Besucher zugänglich.
Der Holländer: Drehbare Kappe, fester Turm
Die Holländische Windmühle oder Holländer (auch: Kappenwindmühle) löste das Problem der Bockwindmühle dadurch, dass nur noch die obere Kappe gedreht wird, während der Turm oder Rumpf fest steht. Das ermöglichte viel größere Mühlen: Ein fest stehender Turm kann beliebig hoch und massiv gebaut werden und bietet genug Platz für mehrere Mahlgänge übereinander.
Die Kappe, die Flügel und das obere Getriebe werden zusammen als Haubenwerk bezeichnet. Sie dreht sich auf einem Laufring aus Holz oder Metall, der oben auf der Turmwandung aufliegt. In kleineren Mühlen dreht der Müller die Kappe mit einem langen Seil oder einer Winde von Hand; in größeren Exemplaren übernimmt ein kleines Hilfswindrad (Steert oder Windrose) diese Aufgabe automatisch.
Der Galerieholländer ist eine Variante mit einer umlaufenden hölzernen Galerie (einem Laufgang) auf mittlerer Höhe, die dem Müller ermöglicht, die Segeltuch-Lagen der Flügel von außen zu erreichen und zu verändern, ohne auf den Boden hinabzusteigen. Diese Variante ist in Deutschland, Dänemark und Belgien weit verbreitet.
Die Turmmühle: Stein statt Holz
Die Turmmühle ähnelt dem Holländer, ist aber aus Stein gebaut statt aus Holz oder Backstein. Sie ist in Mittelmeerländern verbreitet, wo hartes Kalksteinmauerwerk zur Verfügung stand und Holz knapper war. Griechische und spanische Windmühlen sind überwiegend Turmmühlen mit konischem oder zylindrischem Steinturm und drehbarer Holzkappe. Die Windmühlen von Mykonos und Consuegra sind Beispiele dieses Typs.
In Großbritannien ist der Begriff Turmmühle für alle runden oder polygonalen Backsteinmühlen mit drehbarer Kappe gebräuchlich, unabhängig davon, ob sie aus Stein oder Ziegel gebaut sind. Diese Mühlen erreichten im 19. Jahrhundert ihre größte Verbreitung, da sie mehr Mahlkapazität als Bockwindmühlen boten.
Der Hohlpfostenwindmühle: Niederländische Entwässerungsvariante
Die Hohlpfostenwindmühle (niederländisch: Spinnekop oder Wipwatermolen) ist eine Sonderform der Bockwindmühle, die für die Entwässerung entwickelt wurde. Wie die Bockwindmühle dreht sich der gesamte Körper um einen Pfahl — aber der Pfahl ist hohl, und durch ihn läuft eine vertikale Welle, die unten eine Archimedische Schraube oder ein Schaufelrad antreibt. Da sich das Pumpaggregat unten befindet und fest steht, kann es direkt am Wassergraben installiert werden, während die Mühle oben dreht. Dieser Typ ist eine niederländische Spezialität und in der Polderregion zu finden.
Der Tjasker: Friesische Vereinfachung
Der Tjasker ist die einfachste Form einer niederländischen Pumpwindmühle und stammt aus Friesland. Er besteht im wesentlichen nur aus einem schrägen Windrad mit kleinen Flügeln, das direkt mit einer Archimedischen Schraube verbunden ist. Es gibt keine Kappe, keinen Turm und keine komplizierte Übersetzung: Das Windrad dreht die Schraube. Tjaskers wurden für kleine Gräben und private Parzellen eingesetzt, die keinen aufwändigen Mühlenbau rechtfertigten. Mehrere Tjaskers sind in Friesland erhalten und werden von der dortigen Mühlenvereinigung gepflegt.
Funktion: Mehr als nur Getreide mahlen
Die meisten Menschen verbinden Windmühlen mit Getreidemahlen, aber historisch wurden Windmühlen in den Niederlanden und England für eine Vielzahl von Zwecken genutzt:
Entwässerung: Der mengenmäßig wichtigste Einsatz in den Niederlanden. Bis zur Einführung von Dampfpumpen (ca. 1850) hielten Windmühlen Millionen Hektar unter Meeresspiegel trocken.
Sägemühlen: Für die Verarbeitung von Holz, das aus Skandinavien importiert wurde. Die Zaanse Schans hatte im 17. Jahrhundert über 200 Sägemühlen.
Papiermühlen: Lumpen wurden zu Papierbrei zermahlen; die Niederlande war im 17. Jahrhundert der führende Papierproduzent Europas.
Ölmühlen: Raps, Lein und Hanfsamen wurden zu Ölen gepresst.
Farbmühlen: Pigmente wie Krapp (für Rot) und Smalt (für Blau) wurden zermahlen.
Vom Lesen zum Planen
Auf der interaktiven Karte sind die Mühlen nach Typ klassifiziert. Wer alle wichtigen Typen sehen möchte, findet in den Niederlanden die dichteste Auswahl auf kleinstem Raum.