Don Quijote und die Romantik der Windmühlen
Als Miguel de Cervantes seinen Don Quijote im Jahr 1605 veröffentlichte, dachte er wahrscheinlich nicht daran, dass er damit das Schicksal einer ganzen Landschaft für Jahrhunderte prägen würde. Die Szene im zweiten Kapitel des ersten Bandes, in der der verrückte Ritter aus La Mancha gegen die Windmühlen auf der Hochebene von Consuegra reitet und in ihnen übermächtige Riesen sieht, ist zu einer der bekanntesten literarischen Metaphern des Abendlandes geworden. Sie beschreibt nicht nur einen Moment des Wahnsinns, sondern die menschliche Neigung, die Wirklichkeit durch die Brille eigener Überzeugungen zu verzerren.
Die Mühlen von Consuegra
Auf einem langen, felsigen Bergrücken unmittelbar südlich der Stadt Consuegra in der kastilischen Provinz Toledo stehen zwölf Windmühlen in einer Reihe, flankiert von einer mittelalterlichen Burg aus dem 10. Jahrhundert. Die Mühlen selbst stammen überwiegend aus dem 16. bis 18. Jahrhundert und wurden bis weit ins 20. Jahrhundert zum Mahlen von Getreide genutzt. Heute sind elf der zwölf Mühlen restauriert; eine trägt den Namen Rucio nach dem Esel des Sancho Pansa, eine weitere heißt Barataria nach der imaginären Insel, die Sancho regieren wollte. Jedes Jahr Mitte Oktober findet auf dem Hügelkamm das Festival de la Rosa del Azafrán statt, das Safranernte und Mühlentradition verbindet. Die Aussicht von dort über das kastilische Hochland ist bei klarem Himmel von dramatischer Weite: flaches Ockerfarbenes Land bis zum Horizont, durchzogen von Weinreben und Olivenhainen.
Campo de Criptana und die Herkunft der Szene
Nicht Consuegra, sondern Campo de Criptana gilt unter Cervantes-Forschern als der wahrscheinlichste Schauplatz der Riesenszene. Die Stadt liegt in der Provinz Ciudad Real, rund 160 Kilometer südöstlich von Madrid. Im 16. Jahrhundert standen dort über 30 Windmühlen; heute sind es noch zehn, von denen drei aus der Zeit vor Cervantes stammen und als älteste erhaltene Mühlen der Region gelten. Diese drei heißen Infanto, Burleta und Sardinera und sind im Inneren zugänglich. Die neueren sieben stammen aus dem 17. bis 18. Jahrhundert und wurden teilweise nach dem Spanischen Bürgerkrieg wieder instand gesetzt. In Campo de Criptana befindet sich auch das Museo Sara Montiel, da die berühmte Filmschauspielerin in der Stadt geboren wurde, doch die meisten Besucher kommen wegen der Mühlen.
La Mancha als Landschaft und Idee
Die Region La Mancha, deren Name vom arabischen al-Mansha (das trockene Land) stammt, war zur Zeit von Cervantes eine landwirtschaftliche Kernzone Kastiliens. Windmühlen wurden hier ab dem 15. Jahrhundert eingeführt, wahrscheinlich über flämische und niederländische Vermittlung, und verdrängten nach und nach die Wassermühlen entlang der kleinen Flüsse. Da La Mancha kaum Fließgewässer hat, waren Windmühlen besonders wichtig. Der Hochlandwind, der hier im Frühjahr und Herbst konstant aus Westen weht, trieb die Mühlsteine an. Cervantes kannte diese Landschaft gut, denn er reiste mehrfach als Steuereintreiber durch die Region.
Die "Riesen"-Episode im Text
Im Originaltext des Quijote heißt es: „Schau doch, Freund Sancho Pansa, dort tauchen dreißig oder noch mehr ungeheure Riesen auf." Sancho antwortet, er sehe keine Riesen, sondern Windmühlen, und was Don Quijote für Arme halte, seien Flügel, die sich im Wind drehten. Diese wenigen Sätze begründeten die literarische Formel des Kampfes gegen Windmühlen als Metapher für phantastische, sinnlose Unternehmungen. Die Szene ist kurz, geradezu beiläufig, aber ihre Wirkung auf die europäische Kultur war enorm: Sie erscheint auf Münzen, Briefmarken, in Opern (Georg Philipp Telemann schrieb 1761 eine Don-Quijote-Sinfonie), in Balletten und unzähligen Gemälden.
Pilgerrouten und literarische Tourismus
Die Junta de Castilla-La Mancha unterhält seit den 1990er Jahren die Ruta de Don Quijote, einen ausgewiesenen Wanderweg von rund 2.500 Kilometern, der die wichtigsten Schauplätze des Romans verbindet. Der Weg ist in einzelne Etappen unterteilt und schließt Consuegra, Campo de Criptana, Puerto Lápice, Mota del Cuervo und mehrere weitere Mühlendörfer ein. Er wurde 2007 vom Europarat als erster europäischer Kulturweg der Iberischen Halbinsel anerkannt. Viele Abschnitte sind für Radfahrer geeignet, da die Hochebene von La Mancha wenig Höhenunterschiede aufweist.
Spanische Restaurierungspolitik
Die Windmühlen von La Mancha stehen unter regionalem Denkmalschutz (Bien de Interés Cultural) und werden mit Mitteln der Junta de Castilla-La Mancha und der Europäischen Union restauriert. Mota del Cuervo, eine weitere Mühlengemeinde in der Provinz Cuenca, hat seine sieben Mühlen von 2015 bis 2022 vollständig saniert, inklusive neuer Holzflügel nach historischen Vorlagen. Consuegra hat 2018 eine neue Dokumentationsausstellung in der Mühle Rucio eingerichtet. Die Herausforderung besteht darin, die Mühlen als funktionsfähige Objekte zu erhalten, nicht nur als Kulisse: Zwei der Mühlen in Consuegra mahlen an bestimmten Festtagen tatsächlich noch Getreide.
Das Paradox der Windmühle als Symbol
Es ist eine Ironie der Kulturgeschichte, dass die Windmühle durch Cervantes zum Symbol des Wahnsinns wurde, obwohl sie das Rationellste war, was die frühe Neuzeit an Technologie zu bieten hatte. Die kastilischen Windmühlen des 16. Jahrhunderts waren Hochleistungsmaschinen ihrer Zeit, präzise gebaut und von spezialisierten Handwerkern gewartet. Der Roman kehrt das Verhältnis um: Der Verstand des Protagonisten ist das Defekte, die Maschinen sind vollkommen normal. Diese Umkehrung ist es, die die Szene so langlebig macht.
Wohin zuerst?
Alle Windmühlen von Consuegra, Campo de Criptana und Mota del Cuervo sind auf der interaktiven Karte eingetragen. La-Mancha-Mühlen lassen sich als zusammenhängende Route planen, da die Abstände zwischen den Orten gering sind.